Interviews
Shinedown Interview #1 von Ben Foitzik
Schon drei Alben am Start und noch keine einzige Deutschlandtour in der Vita – das geht so nicht weiter. Dachten sich auch die amerikanischen Rock-Helden Shinedown und spielten sich im Oktober hierzulande als Opener von Disturbed die Seele aus dem Leib. Sänger Brent Smith und der neu ins Team gerückte Bassist Eric Bass schildern im Interview ihre Eindrücke von der ersten Deutschlandtour, sprechen über „Devour“, die erste Single ihres aktuellen Albums „The Sound of Madness“, und erklären, warum Shinedown-Fans die großartigsten Menschen der Welt sind.
Moin Jungs! Schön, dass ihr euch auch mal in Deutschland blicken lasst. Wie habt ihr eure ersten Konzerte hier als Opener für Disturbed erlebt?
Eric: Das Publikum war wirklich toll – uns ist aufgefallen, dass die Leute hier viel aufmerksamer zuhören als in den Staaten. Gestern Abend beim ersten der zwei Hamburg-Gigs herrschte jedenfalls gute Energie, das hat richtig Laune gemacht.
Brent: Wir haben seit fünf Jahren nicht mehr so viel Spaß gehabt, weil man uns hier in Europa ganz anders wahrnimmt und die Fans noch Lust darauf haben, eine Live-Show zu sehen. Es ist eine besondere Herausforderung, da wir hier noch mal ganz von vorne anfangen müssen. Gestern Abend hatte ich aber zum ersten Mal so etwas wie eine Sprachbarriere – bisher waren wir in Ländern, in denen das mit der Verständigung einfacher war. Nach der Show war ich ziemlich fertig, weil ich das Gefühl hatte, versagt zu haben. Aber Eric hat mir gesagt, dass ich das von einer anderen Warte aus betrachten soll: So lange man in den Augen der Menschen sieht, dass sie Spaß haben, ist alles super. Ich verstehe ja auch kein Deutsch, aber das ist ja gerade die Schönheit des Ganzen: Musik ist eine universelle Sprache.
Eric: Die Leute haben trotzdem ihren Spaß gehabt. Da wir in Deutschland noch nie getourt sind, müssen wir uns hier eben noch einmal von unten hocharbeiten und das Ganze anders angehen. Zu Hause kennt uns jeder, der bei der Show ist, sie singen jeden Song mit. Trotzdem glaube ich, dass es auf dieser Tour noch keinen Abend gab, an dem wir wie Menge nicht gewonnen hätten. Wenn du ihnen sagst ‚springt!’, dann springen sie – das kann man auch, ohne die Band zu kennen.
Habt ihr trotzdem manchmal das Gefühl, die Leute im Publikum würden sich fragen ‚Wer sind die und was wollen die?’
Brent: Nein, nicht ‚Wer sind die!?’, sondern ‚Okay, zeigt uns mal, was ihr drauf habt, Jungs!’ Obwohl uns die Leute hier größtenteils nicht kennen, schenken sie uns ihre Aufmerksamkeit und geben uns eine Chance. Wenn sie es nicht mögen, zeigen sie es uns schon.
Schon mal passiert?
Brent: Nein, bislang haben sie uns zu verstehen gegeben, dass es ihnen gefallen hat. Alles gut also!
Die Mischung aus Shinedown und Disturbed kommt einem anfangs etwas unpassend vor. Wie habt ihr die Tour mit den in Deutschland sehr populären Kollegen bislang erlebt?
Brent: Dass das mit Disturbed und Shinedown nicht passen könnte, ist mir noch nicht aufgefallen. Es ist wirklich klasse, dass sie uns mitgenommen und die Chance gegeben haben, unsere erste Tour hier als ihr Support zu spielen. Welche Band hat schon die Möglichkeit, dort, wo sie noch nie zuvor gespielt hat, 20 Shows vor so vielen Leuten zu spielen? Ob Disturbed und Shinedown zusammenpassen? Wir sind, was wir sind, und wir spielen, was wir spielen. Und Disturbed sind, was sie sind. Wenn wir für Dimmu Borgir oder Lamb of God eröffnen würden, wäre das vielleicht komisch, aber die Songs von Disturbed sind einfach eingängig wie Sau, und auch wir haben viele Melodien in unserem Zeug. Stilistisch sind wir auch gar nicht so weit auseinander. Wir haben ein paar mehr Balladen und einen anderen Stil, sind aber im Wesentlichen doch eine Hard-Rock-Band, während Disturbed etwas mehr auf der Metal-Seite stehen. Aber wie gesagt – Musik ist universell, wenn sie eine Emotion auslöst und die Menge glücklich macht, ist das alles, was wichtig ist.
Die Strophen von „Devour, der ersten Single eures neuen Albums „The Sound of Madness“, haben sogar eine gewisse Ähnlichkeit zum Disturbed-Sound.
Brent: Stimmt, die Strophen schon, aber der Chorus geht dann natürlich in eine ganz andere Richtung. Als ich mir die Melodie des Songs ausdachte, war ich absolut frustriert und gereizt, die Stimme sollte wie ein Maschinengewehr klingen, ich wollte mich selbst also als Waffe benutzen.
„Devour“ ist ein sehr politischer Song – glaubt ihr, man kann heutzutage mit solchen Songs etwas verändern?
Eric: Bei aufgeschlossenen Menschen schon – bei engstirnigen weniger.
Kann man sie mit Musik denn aufschließen?
Eric: Daran glaube ich jedenfalls! Musik berührt die Menschen, ob es die Texte oder die Musik ist, und sie öffnet Türen in dir, von denen du nicht wusstest, dass sie existieren. Besonders ein Song wie „Devour“, der aus einer ganz anderen Perspektive als jeder andere politische Song geschrieben ist, den ich kenne, und sehr real ist. Dadurch können sich die Leute damit identifizieren und du kommst an sie ran.
Brent: Ob du Gitarre, Bass, Drums oder Piano spielst, singst oder die Songs schreibst – Musik ist eine Kunstform. Wenn du deine eigenen Sachen schreibst, verarbeitest du deine Gedanken und drückst sie in musikalischer Form aus. Ein großer Mann namens Friedrich Nietzsche hat mal gesagt ‚Ohne Musik wäre das Leben ein Fehler’. Ich weiß nicht, ob der zu dem Zeitpunkt noch ganz richtig war, aber für mich trifft das absolut zu. Ich wüsste nicht, was ich ohne Musik machen würde, wo ich wäre, ich könnte mir keine Welt ohne Musik vorstellen.
Ihr seid in den Irak geflogen und habt dort Truppenbesuche gemacht. Warum?
Für unsere Soldaten, das hatte keinen politischen Hintergrund. Wir sind dort fünf Tage lang zu verschiedenen Stützpunkten gefahren, haben Hände geschüttelt und mit den Soldaten geredet. Wir haben uns angesehen, wie ihr Alltag aussieht, und angehört, was sie schon alles erlebt haben. Ein Beispiel: Ich habe mit einem General geredet, der noch nie seine dreijährige Tochter von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Als ich wieder zurück in Amerika war, war ich völlig desillusioniert, weil dieser Kreislauf des Krieges einfach seit Jahren kein Ende nimmt. „Devour“ stellt schlicht und ergreifend die Frage ‚Wann werden unsere Soldaten jemals wieder nach Hause kommen? Wann ist das alles endlich vorbei?’ So etwas wie Weltfrieden wird es ja wahrscheinlich leider nie geben, aber können wir nicht irgendeinen Kompromiss finden, damit wir Leben retten anstatt für Geld oder was auch immer Menschen zu vernichten? Im Moment ist es doch so: Während ein paar Leute immer reicher werden, verrecken die anderen. Es muss einen Kompromiss geben, und aus diesem Gedanken ist der Song entstanden. Um noch mal auf die Eingangfrage zurückzukommen: Ja, man kann definitiv mit Musik und Worten etwas verändern in dieser Welt. Es gab so viel große Redner, die auf einem Podium vor Abertausenden Menschen gesprochen und die Denkweise einer ganzen Generation verändert haben. Martin Luther King, John F. Kennedy und ganz viele andere. Und wenn du Musik mit Message verbindest, kann das noch viel stärker sein. Jeder hat doch eine Seele, und wenn die Haare auf deinem Arm oder deinem Nacken zu Berge stehen, sobald du einen bestimmten Song zum ersten Mal hörst, kann das nicht nur dein eigenes Leben, sondern auch das der Menschen um dich herum verändern und du erkennst womöglich, was du eigentlich mit deinem Leben anstellen willst. So war das jedenfalls bei mir.
Eric: Es muss auch von einer ehrlichen Quelle kommen. Die Leute erkennen, wenn du nicht ehrlich bist und ob du wirklich an das glaubst, was du singst. Als Musiker musst du dein Herz und deine Seele in deine Kunst stecken, dann kannst du auch Leute damit beeinflussen.
Kann natürlich auch nach hinten losgehen, wenn der Künstler einer schlechten Geisteshaltung folgt.
Eric: Ach wahr, wenn jemand mit Charisma die Leute missbraucht oder eine Band die falschen Botschaften vermittelt, kann das auch gefährlich werden.
Ihr scheint eine sehr intensive Bindung zu euren Fans zu haben. Richtig?
Brent: Es ist einfach wichtig, dass man seinen Fans zuhört und mit ihnen redet. Sie kommen zu deinen Shows und unterstützen deine Musik, du musst also etwas getan haben, das ihnen gefällt. Fankontakt nach dem Konzert ist uns einfach unheimlich wichtig. Egal wer, wo oder wann – wir werden immer gerne Sachen signieren und uns so lange hinsetzen und mit den Leuten reden, wie es unsere Zeit erlaubt. Ich habe schon Geschichten von den Leuten gehört, die ziehen dir die Socken aus. Du hast deine Zeit auf der Bühne, in der du ihnen etwas geben kannst. Und danach ist es deine Pflicht, ihnen auch mal zuzuhören. Es geht nicht immer nur um dich als Musiker, der Fan ist genau so wichtig. Und unsere Fans sind die großartigsten Menschen der Welt, weil sie zu unseren Shows kommen und es uns ermöglichen, das zu tun, was wir lieben.
Eric: Deswegen lieben wir unsere Fans!
Brent: Ohne sie könnten wir einfach unsere Sachen packen und nach Hause gehen. Man darf nie vergessen, worum es bei einer Band geht: Es ist für andere Menschen. Klar, du machst die Musik auch für dich selbst und willst immer aufrichtig dir selbst gegenüber sein – wenn man damit dann jemanden berührt, ist das einfach etwas Wunderschönes. Egal, ob du einen oder eine Million berührst – du bewegst damit etwas in den Köpfen.
Gerade auf eurer amerikanischen Website schütten euch die Fans ja regelrecht ihre Herzen aus.
Brent: Es gibt fröhlich und traurige, motivierende und entmutigende Geschichten – wir haben wirklich schon alles gehört.
Eric: Wir wollen, dass sich die Fans wichtig fühlen, denn sie sind wichtig. Sie sollen nie das Gefühl haben, dass ich keine Zeit für sie habe. Wenn wir heute Abend eine Show spielen und jeder in der Halle danach mit uns reden oder etwas signiert haben will, dann stehe ich dort so lange, bis alle zufrieden sind.
Brent: Und ich stehe daneben und versuche, ein bisschen Deutsch zu lernen (lacht).
Eric: Ganz ehrlich, mich interessieren diese Geschichten – wenn jemand mit mir redet, dann schaue ich ihm oder ihr in die Augen, höre geduldig zu, versuche, ihnen zu helfen, oder sage einfach nur, dass es mir leid tut. Das gehört nicht zur Show, das ist real. Zu viele Band vergessen das heutzutage.
Noch mal zurück zu „Devour“ – die Single erklingt jetzt auch, wenn sich starke Männer gegenseitig die Fresse polieren...
Brent: Jawohl, der Song wird in der „Night of the Champions“ der WWE gespielt. Außerdem kommt es im neuen „Madden 09“ Game vor und ist die Titelmelodie von der TV-Show „Real World“ auf MTV.
Wrestling ist ja etwas, was viele Deutsche nie wirklich verstehen werden. Was habt ihr damit zu tun?
Brent: Ach, das ist bei uns in Amerika einfach ein richtig dickes Ding. So wie damals mit den Gladiatoren, nur in modernem Gewand. Natürlich ist nichts davon real, und die Leute wissen das inzwischen auch – es ist wie eine brutale Soap Opera. Die Leute stehen da einfach drauf, und das Ganze hat eine starke Musikaffinität. Die WWE ist sehr einflussreich, weil sie so ein großes Publikum hat, und Bands aus der ganzen Welt bieten ihr ihre Songs an. Die WWE ist immer ein großer Unterstützer von Shinedown gewesen und hat eigentlich jede unserer Singles gespielt. Als „Devour“ veröffentlicht wurde, fanden sie den Song wohl sehr geil und haben ihn bei einem ihrer größten Events gespielt, der „Night of the Champions“, bei der, glaube ich, ungefähr 84.000 Leute live dabei waren. Manchmal passieren solche Dinge einfach aus Zufall – aber wir werden uns sicher nicht darüber beschweren (lacht)!
Lest im zweiten Teil des Interviews (die Jungs erwiesen sich als äußerst redefreudig), was es mit der zweiten Single „Second Chance“ auf sich hat, wie es zur Besetzungsänderung bei Shinedown kam und warum Brent und Eric „romantic as hell“ sind. Schon bald an dieser Stelle.
Interview: Ben Foitzik